Westerstede. Jens Rowolds jüngster Erfolg heißt Linie 360. Für die meisten Menschen ist diese Buslinie eine von vielen hier im Landkreis Ammerland bei Oldenburg. Für Rowold ist sie ein Zeichen dafür, dass das Konzept seines Vereins funktioniert. Er ist Gründungsmitglied und Vorsitzender des „BürgerBus Westerstede“. Dank des Vereins, so Rowold, fahre die Linie 360 nun doppelt so oft wie vorher.
An einem schwülheißen Tag im Juni steht Rowold, 66, am Zentralen Omnibusbahnhof in Westerstede und sagt: „Der Bürgerbus ist mein Leben geworden.“ Er trägt eine dunkelblaue Schirmmütze mit aufgedruckter Omnibus-Silhouette, dem Vereinslogo. Die Ärmel seines Hemds hat er hochgekrempelt. Die Hände stemmt Rowold in die Hüften, während er erzählt.
In kurzen Abständen hebt er eine Hand zum Gruß in Richtung der vorbeiziehenden Linienbusse des „bestellten ÖPNV“, so nennt er die Busse der Verkehrsverbünde. Die Fahrer seien quasi Kollegen. Mehr als zehn Jahre lang plante Rowold den Verkehr der Weser-Ems-Busse, später war er selbstständiger Verkehrsplaner. Inzwischen ist er in Rente. All sein Wissen über das richtige Timing der Anschlüsse, Lenkzeiten und die Nachteile von Ringlinien fließt seit 2010 in den Bürgerbus-Verein.
Seit 16 Jahren verbinden die Busse des „Bürgerbus Westerstede e.V.“ den Kernort Westerstede mit den umliegenden Ortschaften. Ohne den Bürgerbus wären sie vom Nahverkehrsnetz abgeschnitten. Niemand im Verein verdient daran. 80 Freiwillige arbeiten für den Bürgerbus, unentgeltlich.
Das Land und der Zweckverband des Verkehrsverbunds Bremen-Niedersachsen halfen, die Flotte anzuschaffen. Momentan sind es drei 3,5-Tonner, die man mit einem Pkw-Führerschein fahren darf. Außerdem nimmt der Verein Geld durch Außenwerbung an den Bussen und den Fahrkartenverkauf ein. Die Busse fahren auf festen Linien zu festen Zeiten, und mitfahren darf, wer ein reguläres ÖPNV-Ticket gelöst hat, dazu gehört auch das Deutschland-Ticket.
Denn, das ist Rowold wichtig: Die Busse sollen den vom Landkreis organisierten ÖPNV ergänzen, nicht ersetzen. Wo die für den Nahverkehr zuständige Behörde Fahrten anbiete, brauche es den „BürgerBus“ nicht. Aber der Bürgerbus schaffe ein Angebot, auf das im besten Fall eine Nachfrage folge, sagt Rowold.
Deshalb ist die Linie 360 auch eine BürgerBus-Erfolgsgeschichte: Den zwei-Stunden-Takt des Verkehrsverbunds Bremen-Niedersachsen auf jener Strecke ergänzte der Bürgerbus jahrelang um eine stündliche Fahrt, sodass der Bus hier einmal in der Stunde fuhr. Die zusätzliche Fahrt nutzten so viele Menschen, dass der Verkehrsverbund sie übernahm.
Jens Rowold, Vorsitzender des Vereins „BürgerBus Westerstede“, vor der Mobilitätszentrale des Vereins.© VR-FOTO Torsten von Reeken
Rechnet man diesen Erfolg auf die Zahl der Bürgerbus-Vereine im Land hoch, dürfte in Niedersachsen schon so manche Buslinie Dank eines Bürgerbus-Vereins entstanden – oder zumindest verbessert worden sein. Der niedersächsische Bürgerbus-Dachverband zählt 52 Mitglieder. Dazu kommen die, die sich nicht im Dachverband organisieren wollen.
Allein im Landkreis Ammerland gibt es vier Bürgerbus-Vereine. In Westerstede aber gibt es etwas, das kein anderer Verein hat. Und das will Jens Rowold nun zeigen. Er verlässt den ZOB, läuft vorbei am historischen Rathaus, dem Springbrunnen und der JollyJoker-Spielothek, mitten hinein in die backsteinrote Fußgängerzone. Vor einem Geschäft mit giftgrünem Flixbus-Wimpel bleibt er stehen. Es ist der Ort, an dem sich das Engagement von Rowold und seinen Mitstreitern abseits der Landstraßen materialisiert: die Westersteder Mobilitätszentrale.
Drinnen ist es kühl. Hinter den beiden Tresen sitzen Jens Rowolds Frau, Susanne Rowold, und Marc Blanke. Sie beraten hier kostenlos Menschen, die mit dem Bus, der Bahn oder der Fähre fahren wollen – in Westerstede, im Landkreis Ammerland, in ganz Europa.
Marc Blanke und Susanne Rowold sind engagierte Mitglieder des Vereins „BürgerBus Westerstede“.© VR-FOTO Torsten von Reeken
Rowold nimmt sein Käppi ab und schenkt Sprudelwasser aus. Die Mobilitätszentrale in Westerstede sei die einzige von Freiwilligen betriebene in der ganzen Bundesrepublik, sagt er. Die Miete zahle die Stadt, weitere Kosten decke der Verein durch die Provision, die er von der Deutschen Bahn, Flixbus und vielen anderen Unternehmen für den Verkauf ihrer Fahrkarten erhält. Susanne Rowold und Marc Blanke überreichen ihren Kunden die ausgedruckten Fahrkarten standardmäßig in Papierhüllen. Darauf steht in Schreibschrift: Aus dem Ammerland in die weite Welt. Der Verein hat sie selbst drucken lassen, weil die Bahn sie nicht mehr herstellt.
Wenn über die unterschiedlichen Lebensbedingungen in der Stadt und im ländlichem Raum gesprochen wird, geht es immer auch um den Verkehr. Wer kann sich von der U-Bahn zur Arbeit fahren lassen, und wer ist aufs Auto angewiesen, um den nächsten Supermarkt zu erreichen? Im Jahr 2026 ist das eine politische Frage. Sie berührt nicht nur Klimaschutzdebatten, sondern birgt Potenzial für populistische Diskurse. Wo kein Bus fährt, ist mehr Platz für ein Gefühl des Abgehängtseins. Mobilität gehört zur Daseinsvorsorge. Daher muss die Frage erlaubt sein: Ärgern sich die Freiwilligen vom Westersteder Bürgerbus manchmal, dass es sie hier überhaupt braucht?
„Es wäre schön, wenn es ohne uns funktionieren würde“, sagt Jens Rowold, und schiebt hinterher: „Aber es funktioniert ja nicht.“ Für viele Menschen wäre dieser Satz ein Grund, sich bei Politik und Verwaltung zu beschweren oder gleich das Ende der funktionierenden Demokratie auszurufen. Für Jens Rowold ist er der Grund, es selbst besser zu machen.
Zugunsten von Menschen wie Christian Bartels, einem Mann um die 30, der, wie er sagt, selten mit dem öffentlichen Personenverkehr fährt, in der Gegend gebe es ja nicht viel Gelegenheit dazu. Er nimmt gegenüber von Susanne Rowold Platz und kauft ein Ticket von Wilhelmshaven nach Hölden in Bayern fürs kommende Wochenende. Zum Bezahlen zieht er Scheine aus der Hosentasche und legt sie auf den Tresen. „Ich bin mehr so der Typ ‚Bares ist Wahres‘“, sagt Bartels.
Er ist nicht der Klischeekunde, an den man beim Wort „Mobilitätszentrale“ denkt. Auch der nächste Gast weicht vom Stereotyp eines Rentners ab, der nicht mit dem Handy umgehen kann und das Bahnticket deshalb lieber am Schalter kauft. Pieter ist 14 und will am nächsten Tag seine Großeltern mit dem Zug besuchen. Bei der Fahrkartenkontrolle habe er das Ticket lieber in der Hand, als es erst auf dem Handy suchen zu müssen. Das fühle sich sicherer an.
Er klaubt die Münzen aus seinem Portemonnaie zusammen. „Jo, passend“, sagt er, bevor er bei Marc Blanke bezahlt. „Hab ich mir gedacht“, sagt Blanke. „Wie geht’s dir?“ – „Gut, Ihnen auch?“ – „Ja, danke. Was ist mit Schule und allem?“ – „Gut.“
Es ist ein Klischee über den ländlichen Raum, das leider stimmt: Die Dienstleistungen, bei denen sich Menschen begegnen, verschwinden. Entgegen diesem Trend ist die Mobilitätszentrale der Ort, an dem nicht nur die meisten Kunden Zeit mitbringen, sondern auch die Menschen auf der anderen Seite des Tresens. Ihr Verein müsse eben nicht wirtschaftlich sein, sagt Jens Rowold. „Das ist unser Vorteil.“
Die nächste Kundin heißt Maria Wegeng, ist 74 und sagt: „Per Computer trau‘ ich mich nicht.“ Sie bleibt fast eine halbe Stunde.
Später teilt Rowold doch noch ein bisschen gegen Politik und Verwaltung aus. Der Nahverkehr sei für die Bahn keine Priorität, überall schließe man Bahnschalter und Mobilitätszentralen. Er fängt seinen Frust noch im selben Atemzug wieder ein und schließt mit: „Aber egal.“
Rowold konzentriert sich auf die Dinge, die funktionieren, und die Menschen, denen er mit dem Verein hilft. Vielleicht geht es nur so, wenn man sich in Deutschland mit einem Reizthema wie dem öffentlichen Personenverkehr auseinandersetzt.
An diesem Nachmittag hilft er Bärbel Möhle, zumindest indirekt. Sie steigt in Halsbek in den Bürgerbus, einer der nördlichen Westersteder Ortschaften, in denen sonst kein ÖPNV fährt. Möhle hat rote Wangen und Reibeisenstimme, „Hallo!“ ruft sie in den kleinen Bus, und setzt sich auf den erstbesten der acht freien von insgesamt acht Sitzplätzen. Sie müsse zu Lidl in den Ortskern, erklärt Möhle, sie brauche Zutaten für den Stuten, den ihr Mann so gerne esse. „Wollt’ste viel kaufen?“, fragt Gerold Bruns. Er ist der Fahrer der Nachmittagsschicht. „Nur Hefe und so“, sagt Möhle. Er könne sie auf der nächsten Fahrt gleich wieder mit nach Halsbek nehmen.
Möhle erzählt von ihrer Tochter, ihrem kaputten Handy und ihrem Mann, der sie immer fahren müsse, wenn kein Bus komme. Bruns sagt wenig. Beim Aussteigen schwenkt Möhle ihren Einkaufskorb zum Abschied. Unter Zischen schließt die Bustür. Falls Möhle es nach ihrem Einkauf nicht rechtzeitig zur Haltestelle schaffe, werde er sie direkt bei Lidl abholen, sagt Bruns. „Weil sie schon so lange mitfährt.“
Nach einem Tag mit den Menschen vom Westersteder Bürgerbus kann es einem so vorkommen, als sei ihr Engagement für das kommunale Wohlergehen unerschöpflich. Aber auch ein Jens Rowold kennt seine Grenzen. Als vor fünf Jahren die örtliche Postfiliale schloss, habe man den BürgerBus gefragt, ob die Freiwilligen in der Mobilitätszentrale nicht auch deren Geschäft übernehmen könnten. In der Mobilitätszentrale schüttelt Jens Rowold den Kopf. „Mit der Post haben wir nichts am Hut.“ Den Bürgerbus zu organisieren, reiche ihm erstmal.



