Station 12 – Wald
Das Besondere an altem Wald
Wald ist anders. Wenn in sommerlicher Hitze die Luft über den Flächen der freien Landschaft flimmert, erfahren wir im Wald angenehme Kühle. Zeichnet der Frost seine Eisblüten auf die Felder, so empfängt uns im Wald immer noch Restwärme. Der Wald hat sein eigenes Klima. Und er hat sein eigenes Licht. Während im Frühjahr die Sonnenstrahlen noch ihre Geschichten auf den weichen Waldboden malen können, dringt im Sommer nur wenig Licht durch das Blätterwerk. Unter diesen Bedingungen hat sich eine ganz eigene Tier- und Pflanzenwelt entwickelt. Wald nimmt sich Zeit zum Wachsen. Wald lehrt uns Nachhaltigkeit, Ausgeglichenheit und Mäßigkeit. Wald ist besonders.
“Historisch alter“ Wald ist etwas ganz Besonderes. Wir finden ihn dort, wo seit mindestens 250 Jahren nichts anderes wächst als Wald. In diesen Wäldern kommt eine deutlich höhere Zahl von Pflanzen- und Tierarten vor als in jüngeren Wäldern. Viele Pflanzen und Tiere haben sich im Laufe der Jahrhunderte an die besonderen Bedingungen, die ausschließlich im Wald herrschen, hervorragend angepasst. Das macht die historisch alten Wälder so bedeutsam: Sie sind Rückzugsgebiet und letzte Inseln für speziell angepasste Arten, die nur dort leben können. Viele von ihnen sind im Bestand gefährdet und würden ohne ihren angestammten Lebensraum untergehen. Anders formuliert: Historisch alte Wälder bewahren die Genreserve dieser Arten. Auf manche Pflanzen, die hier noch ein Refugium haben, sind wir Menschen angewiesen, denn wir gewinnen Heilmittel aus ihnen. Diese außergewöhnlichen Wälder verdienen unsere Wertschätzung und unseren Schutz – zumal sie gerade in Niedersachsen sehr selten sind und nur kleine Flächenanteile für sich beanspruchen dürfen.
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Der hier angrenzende Thalenbusch zählt zu den historisch alten Wäldern. Dieses Waldgebiet blieb über die Jahrhunderte hinweg erhalten, weil auf den nassen Böden der lehmigen Geest keine lohnenswerte Landwirtschaft betrieben werden konnte.
Natürlicherweise kommen hier Eichen-Hainbuchenwälder oder – auf nasseren Standorten – Erlen-Eschen-Auwälder vor. Hier gibt es noch den geheimnisvollen Laubwald mit den alten Baumriesen, denen eine magische Aura innewohnt. Im Frühjahr zaubert das durch die jungen Blätter fallende Licht weiße, weiche Teppiche von Buschwindröschen auf den Waldboden. Helle Sonnenstrahlen lassen die taubenetzten Kunstwerke der Spinnen glitzern, als seien sie mit Diamanten besetzt. Im Sommer erschaffen die gewaltigen Bäume ein beschattendes Blätterdach.
Viele der hier beheimateten Pflanzen tragen Namen, die von ihrer engen Verbindung zum Wald zeugen: Waldmeister, Waldschwingel, Waldprimel, Waldhyazinthe, Waldsegge, Waldveilchen, Waldengelwurz, Waldlabkraut, Waldflattergras, Waldziest oder Schattenblümchen. Andere typische Arten, die nur in solchen Wäldern vorkommen, sind Einbeere, Milzkraut, Großes Zweiblatt, Sanikel, Winterschachtelhalm oder Gold-Hahnenfuß. Das Geheimnisvolle solcher Wälder, das schon unsere Vorfahren beeindruckt haben muss, drückt sich in Namen wie Hexenkraut oder Teufelskralle aus. Charakteristisch ist überdies der außerordentlich große Pilzreichtum, der den Kenner erfreut und ihm eine schmackhafte Mahlzeit bescheren kann.
Diese Wälder wimmeln vor Leben. Die Spuren des Wildes, welches es im Überfluss gibt, sind überall zu sehen. Wildschweine hinterlassen zerwühlten Waldboden, Rehe zeigen ihre Gegenwart durch viel genutzte Wildwechsel an. Manchen Grasfrosch verwechselt man auf den ersten Blick mit einer Kröte, denn diese Frösche können hier so alt werden, dass ihre vormals glatte Haut schließlich runzlig ist. Mit etwas Glück kann man den scheuen Schwarzstorch bei der Nahrungssuche entdecken oder das Mauswiesel auf der Jagd nach Nahrung beobachten.
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Das einzigartige Leben in den alten Wäldern spielt sich aber keinesfalls nur auf dem Boden und im Bereich der Wurzeln der ehrwürdigen Bäume ab. Im Gegenteil: Das Leben pulsiert in den Zwischenräumen, in den Stämmen bis hinauf zu den Wipfeln. Die oberen Etagen bieten beispielsweise den Nachtfaltern, den Fledermäusen und den Spechten eine Heimat. Dieses nachbarschaftliche Trio kommt nicht von ungefähr zustande.
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Wo viel Nachtfalter sind, finden sich auch Fledermäuse in großer Anzahl und Artenvielfalt, denn Nachtfalter sind ihre Nahrungsgrundlage. Das opulente Futterangebot allein reicht den Fledermäusen aber nicht: Was würden ihnen die vielen Falter nützen, wenn sie keine Baumhöhlen für ihre Sommerquartiere und die Aufzucht ihrer Jungen hätten? Nun kommen die Spechte als Quartiermeister ins Spiel. Klein- und Mittelspechte hegen eine große Vorliebe für alte Eichen. In der grobrissigen Rinde sowie in den wuchtigen Kronen finden die Vögel ihre Nahrung. In die Stämme und Äste der Bäume zimmern sie Höhlen, um den Spechtnachwuchs dort aufzuziehen. Auch im Thalenbusch ist es oft zu hören, das unglaublich schnelle “Tocktocktocktock“ der fleißig klopfenden Spechte. Wenn die Spechte ausgezogen sind, geben ihre ausgedienten Baumhöhlen perfekte Sommerresidenzen für die Fledermäuse ab – so sind auch diese bestens versorgt.
Dieses ausgewogene Zusammenspiel führt uns vor Augen, dass in der Natur alles voneinander abhängig ist und miteinander zusammenhängt. Das Eine kann nicht ohne das Andere exist










